Prof. Dr. Jürgen Zimmerer: „Namibia hat Präzedenzcharakter“

Werden nach Namibia weitere frühere deutsche Kolonien nachziehen und von Deutschland Entschädigung fordern? Über diese virulente Frage sprach Deutsche Welle (DW) ausführlich mit Prof. Dr. Jürgen Zimmerer. Für ihn steht außer Frage, dass der weitere Verlauf und Ausgang des Falls Namibia eine wichtige Rolle spielt, denn: „Diese Verhandlungen und auch der Prozess haben Präzedenzcharakter und viele schauen sehr genau hin: Ehemalige Kolonisierte wie ehemalige Kolonisatoren.“

Ob Kamerun, Togo oder Tansania, das bereits im Februar dieses Jahres Entschädigungsforderungungen erwogen hatte, Klagen gegen Deutschland einbringen werden, sei allerdings schwer vorherzusagen. Das hinge letztlich von den Umständen in den jeweiligen Ländern ab. Gerade in Tansania wird zunächst beobachtet, wie der spezifische Fall Namibia ausgehen wird, vermutet Zimmerer.

„Die Eroberung der vier ehemaligen deutschen Kolonien war brutal“, hält Zimmerer über die deutsche Kolonialvergangenheit fest: „Heute würde man sagen: von Kriegsverbrechen begleitet. In Tansania herrschte von 1905-1907 der Maji-Maji Krieg, dem bis zu 300.000 Menschen zum Opfer fielen. Auch in Kamerun gab es Massaker und diverse Kolonialskandale, die oftmals auf extreme Brutalität zurückzuführen waren, ähnlich in Togo. In Kamerun ist besonders der Fall Manga Bell sehr bekannt.“

Diskutiert wird die Kolonialzeit auf jeden Fall in den ehemaligen Kolonien: „Das ist ähnlich wie in Deutschland: Viele Menschen haben nur eine vage Vorstellung davon, dass Deutschland Kolonialmacht war. Sie wissen auch nicht, wie brutal der deutsche Kolonialismus war.“ Das Thema ist wichtig, aber es fehlen die Ressourcen, um die Kolonialgeschichte richtig zu erforschen. „Auch das ist ein Resultat des europäischen Kolonialismus“, hält Zimmerer fest: „Auch die Bildungsinstitutionen und die Chancen, die Geschichte aufzuarbeiten, sind nach wie vor sehr ungleich verteilt.“ Hier versucht die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ anzusetzen. In Hamburg arbeiten Doktoranden aus Tansania und Kamerun in unseren Projekten. Bald werden auch Künstlerinnen und Künstler aus Namibia dazu stoßen, so Zimmerer: „Sie freuen sich, dass man dieses Thema aufgreift und sie die Gelegenheit bekommen, mit uns dazu zu arbeiten.“

 

Zum DW-Interview mit Prof. Dr. Jürgen Zimmerer  in voller Länge geht es hier. Das Interview ist auch in polnischer sowie in englischer Übersetzung verfügbar.

By | 2017-09-01T11:40:03+00:00 August 2nd, 2017|Allgemein|0 Kommentare

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